Erst mal tief durchatmen.
Die Diagnose Herzinsuffizienz klingt dramatisch. Aber Herzinsuffizienz ist behandelbar. Mit der richtigen Therapie können viele Menschen lange und gut damit leben. Dieser Artikel hilft dir, deine Diagnose zu verstehen.
Was bedeutet die Diagnose Herzinsuffizienz?
Herzinsuffizienz bedeutet auf Deutsch Herzschwäche. Das Herz ist nicht mehr in der Lage, den Körper mit ausreichend Blut und Sauerstoff zu versorgen. Es pumpt zu schwach oder füllt sich nicht richtig.
Das bedeutet nicht, dass das Herz stehen bleibt. Es bedeutet: Dein Herz muss stärker arbeiten als ein gesundes, um dasselbe zu leisten. Und das schafft es auf Dauer nicht mehr vollständig.
Der ICD-10-Code lautet I50. Die häufigsten Unterkategorien: I50.1 (Linksherzinsuffizienz), I50.0 (Rechtsherzinsuffizienz) und I50.9 (nicht näher bezeichnet). Wenn das auf deinem Befund steht, erfährst du hier, was es bedeutet.
Was passiert bei Herzinsuffizienz?
Bei einem gesunden Herzen pumpt die linke Herzkammer sauerstoffreiches Blut in den Körper und die rechte Herzkammer sauerstoffarmes Blut in die Lunge. Bei Herzinsuffizienz funktioniert diese Pumpleistung nicht mehr richtig. Es gibt zwei Probleme, die oft zusammen auftreten:
Vorwärtsversagen
Das Herz pumpt zu wenig Blut in den Körper. Organe bekommen nicht genug Sauerstoff. Die Folge: Müdigkeit, Schwäche, Leistungsabfall.
Rückwärtsversagen
Das Blut staut sich zurück, weil das Herz es nicht weiterpumpt. Flüssigkeit tritt ins Gewebe aus. Die Folge: Wasser in den Beinen, Atemnot, Stauung in der Lunge.
Beide Formen treten bei Herzinsuffizienz meist gemeinsam auf. Sie erklären die typischen Symptome.
Wie merke ich, dass mein Herz schwächer pumpt?
Herzinsuffizienz entwickelt sich oft schleichend. Die Symptome werden anfangs leicht übersehen. Die drei Leitsymptome:
- Atemnot (Dyspnoe): Zuerst bei Anstrengung, später auch beim Liegen (Orthopnoe) oder in Ruhe. Nächtliche Atemnot, die dich aufweckt, ist ein typisches Zeichen. Mehr dazu im Artikel Atemnot.
- Flüssigkeitsansammlung (Ödeme): Schwellungen an Knöcheln, Unterschenkeln oder im Bauch. Du merkst vielleicht, dass Schuhe abends enger werden oder du zugenommen hast, ohne mehr zu essen.
- Erschöpfung und Leistungsschwäche: Was früher leicht fiel, wird immer anstrengender. Treppensteigen, Einkaufen, Spazieren gehen.
Weitere mögliche Symptome: häufiges Wasserlassen nachts (Nykturie), nächtlicher Husten, Herzrasen, Schwindel, Appetitlosigkeit.
COPD und Herzinsuffizienz: Häufige Kombination. Etwa jeder dritte COPD-Patient entwickelt auch eine Herzinsuffizienz und umgekehrt. Wenn du beide Diagnosen hast, ist die Zusammenarbeit zwischen Lungenarzt und Kardiologe besonders wichtig. Mehr dazu im Artikel COPD.
Links- oder Rechtsherz? Was ist der Unterschied?
Herzinsuffizienz kann unterschiedliche Bereiche des Herzens betreffen. Die Unterscheidung ist wichtig, weil die Symptome verschieden sind:
| Linksherzinsuffizienz | Rechtsherzinsuffizienz | |
|---|---|---|
| Was passiert? | Die linke Herzkammer pumpt zu schwach | Die rechte Herzkammer pumpt zu schwach |
| Hauptsymptom | Atemnot, Husten, Stauung in der Lunge | Wasser in Beinen, Knöcheln, Bauch |
| Weitere Zeichen | Nächtliche Atemnot, Orthopnoe | Halsvenen sichtbar, Leberschwellung |
| ICD-10 | I50.1 | I50.0 |
In der Praxis haben viele Patienten beide Formen (biventrikuläre Herzinsuffizienz). Die Linksherzinsuffizienz ist häufiger, weil die linke Herzkammer die Hauptpumparbeit leistet.
Die NYHA-Stadien: Wie schwer ist meine Herzinsuffizienz?
Die NYHA-Klassifikation (New York Heart Association) teilt Herzinsuffizienz nach Belastbarkeit ein. Sie hilft Ärzten, die Schwere einzuschätzen und die richtige Therapie zu wählen:
NYHA I
Keine Einschränkung bei Belastung. Beschwerdefrei, auch bei Anstrengung. Diagnose meist durch Zufall.
NYHA II
Leichte Einschränkung. In Ruhe beschwerdefrei, aber bei alltäglicher Belastung wie Treppensteigen kommt es zu Atemnot oder Erschöpfung.
NYHA III
Deutliche Einschränkung. In Ruhe noch beschwerdefrei, aber schon bei geringer Belastung wie Anziehen kommt es zu Symptomen.
NYHA IV
Beschwerden auch in Ruhe. Bettlägerigkeit oder nur kürzeste Gehstrecken möglich. Ständige Behandlung nötig.
Dein NYHA-Stadium steht oft auf dem Arztbrief oder Entlassungsbericht. Es ist einer der wichtigsten Werte, um deine Situation zu verstehen.
Wie wird Herzinsuffizienz diagnostiziert?
Wenn dein Arzt Herzinsuffizienz vermutet, wird er folgende Schritte gehen:
- Gespräch (Anamnese): Welche Symptome hast du? Seit wann? Vorerkrankungen? Bluthochdruck? Herzinfarkt in der Familie?
- Körperliche Untersuchung: Abhören von Herz und Lunge, Ödeme prüfen, Blutdruck messen.
- EKG: Zeigt Herzrhythmusstörungen oder Hinweise auf einen früheren Infarkt.
- Blutwerte: Vor allem BNP oder NT-proBNP. Diese Werte steigen, wenn das Herz unter Druck steht. Sie sind wichtige Marker für Herzinsuffizienz.
- Echokardiografie (Herzultraschall): Der wichtigste Test. Zeigt die Pumpfunktion des Herzens, die Ejektionsfraktion (Auswurffraktion) und die Herzklappen.
- Röntgen-Thorax: Zeigt Stauungszeichen in der Lunge oder eine vergrößerte Herzsilhouette.
Was bedeutet mein Befund?
Auf deinem Befund stehen einige Schlüsselwerte. Die wichtigsten:
| Wert | Was er bedeutet |
|---|---|
| EF (Ejektionsfraktion) | Wie viel Blut pumpt das Herz pro Schlag heraus? Normal: 50-70%. Unter 50% = Hinweis auf Herzinsuffizienz. |
| BNP / NT-proBNP | Ein Hormon, das bei Herzüberlastung steigt. NT-proBNP unter 125 pg/ml (unter 75 J.) macht Herzinsuffizienz unwahrscheinlich. |
| NYHA-Stadium | Siehe oben. Gibt an, wie stark du eingeschränkt bist. |
| HFrEF / HFpEF | HFrEF = mit reduzierter EF (unter 40%), HFpEF = mit erhaltener EF (50% und höher). Zwei verschiedene Formen mit unterschiedlichen Therapien. |
Tipp: Wenn du deinen Arztbrief oder Herzbefund nicht verstehst, lade ihn in die Befino App hoch. Sie erklärt dir die Werte in einfachem Deutsch.
Wie wird Herzinsuffizienz behandelt?
Herzinsuffizienz ist chronisch und nicht heilbar. Aber moderne Medikamente und Verfahren können den Verlauf deutlich verbessern. Die Behandlung basiert auf mehreren Säulen:
1. Medikamente
Die Basis der medikamentösen Therapie bilden vier Wirkstoffgruppen, die nachweislich Leben verlängern und Symptome lindern:
- ACE-Hemmer oder AT1-Blocker: Entlasten das Herz, indem sie Blutgefäße erweitern.
- Betablocker: Schonen das Herz, indem sie Herzfrequenz und Blutdruck senken.
- Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten (MRA): Zusätzliche Entlastung, besonders bei mittelschwerer bis schwerer Herzinsuffizienz.
- SGLT2-Hemmer: Ursprünglich Diabetes-Medikamente, wirken nachweislich auch bei Herzinsuffizienz.
Zusätzlich: Diuretika (entwässernde Medikamente) gegen Ödeme und Wasseransammlung. Die Dosierung wird individuell angepasst.
2. Device-Therapie
Je nach Befund können implantierbare Geräte helfen:
- ICD (Implantierbarer Kardioverter-Defibrillator): Verhindert plötzlichen Herztod bei gefährlichen Rhythmusstörungen.
- CRT (Kardiale Resynchronisationstherapie): Ein spezieller Herzschrittmacher, der die Herzaktion koordiniert, wenn die Pumpfunktion asynchron ist.
3. Lebensstil
- Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung (Spazieren, Radfahren) trainiert das Herz und verbessert die Ausdauer.
- Salzarm essen: Zu viel Salz fördert Wasseransammlungen. Auf verarbeitete Lebensmittel achten.
- Trinkmenge anpassen: Bei schwerer Herzinsuffizienz kann eine Trinkmenge von 1,5 bis 2 Litern täglich empfohlen werden.
- Wiegen: Tägliche Gewichtskontrolle. Wenn du innerhalb von 1 bis 3 Tagen mehr als 2 kg zunimmst, kann das auf Wassereinlagerung hinweisen.
- Rauchstopp. Keine Diskussion.
4. Impfungen
Grippe- und Pneumokokkenimpfung sind besonders wichtig. Atemwegsinfekte können bei Herzinsuffizienz schnell gefährlich werden.
Wichtig: Die genannte Therapie ist ein Überblick. Deine Behandlung wird individuell an dein Stadium und deine Situation angepasst. Sprich mit deinem Kardiologen über die für dich richtige Kombination.
Was bedeutet die Diagnose für deinen Alltag?
Herzinsuffizienz verändert den Alltag. Aber viele Menschen leben lange und aktiv damit. Wichtige Tipps:
- Medikamente regelmäßig nehmen. Auch wenn es dir gut geht. Sie wirken vorbeugend.
- Täglich wiegen. Morgens nach dem Aufstehen, immer gleiche Waage. Mehr als 2 kg Zunahme in wenigen Tagen = Arzt kontaktieren.
- Bewegung, aber mit Maß. Regelmäßig, aber nicht bis zur Erschöpfung. Cardiale Reha kann den Einstieg erleichtern.
- Beine hochlegen. Gegen Ödeme: Abends die Beine für 20 bis 30 Minuten hochlegen.
- Schlafen mit erhöhtem Oberkörper. Hilft gegen nächtliche Atemnot. Ein Keilkissen oder verstellbarer Lattenrost.
- Notfallplan haben. Weißt du, was du tun musst, wenn es dir plötzlich schlechter geht? Sprich mit deinem Arzt.
- Angehörige einbeziehen. Deine Familie sollte die Warnzeichen kennen und wissen, wann der Arzt oder Notruf 112 nötig ist.
Notfall: Wenn du plötzlich starke Atemnot bekommst, auch in Ruhe nicht mehr Luft kriegst, rosa-schaumigen Auswurf hustest oder dir schwarz vor Augen wird: Sofort 112 rufen.
Häufige Fragen
Ist Herzinsuffizienz heilbar?
Nein, Herzinsuffizienz ist chronisch und nicht heilbar. Aber moderne Medikamente können den Verlauf deutlich verlangsamen, Symptome lindern und die Lebensqualität verbessern. Wenn die Ursache behandelbar ist (z.B. ein verengter Herzklappe), kann sich die Herzfunktion auch wieder verbessern.
Was bedeutet EF auf meinem Befund?
EF steht für Ejektionsfraktion (Auswurffraktion). Sie gibt an, wie viel Blut die linke Herzkammer pro Schlag herauspumpt. Normal sind 50 bis 70%. Unter 40% spricht man von Herzinsuffizienz mit reduzierter EF (HFrEF). Zwischen 40 und 49% = leicht eingeschränkt. 50% und darüber = erhaltene EF (HFpEF).
Was ist NT-proBNP?
NT-proBNP ist ein Laborwert, der anzeigt, ob das Herz unter Druck steht. Es ist ein Vorläuferhormon des BNP (Brain Natriuretic Peptide). Je höher der Wert, desto größer die Wahrscheinlichkeit einer Herzinsuffizienz. Der Cut-off-Wert hängt vom Alter ab: unter 75 Jahre gilt ein NT-proBNP unter 125 pg/ml als unauffällig.
Kann ich mit Herzinsuffizienz Sport machen?
Ja, sogar sehr wichtig. Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert die Ausdauer und das Wohlbefinden. Was gut für dich ist, hängt vom NYHA-Stadium ab. In der kardialen Rehabilitation lernst du, welche Belastung für dich richtig ist. Generell gilt: Bewegung ja, aber nicht bis zur Erschöpfung.
Was ist der Unterschied zwischen HFrEF und HFpEF?
HFrEF (Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion): Die Pumpfunktion ist deutlich geschwächt, EF unter 40%. Das Herz zieht sich nicht mehr kräftig zusammen. HFpEF (Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion): Die Pumpzahl sieht normal aus (EF über 50%), aber das Herz ist steif und füllt sich nicht richtig. Beide Formen verursachen ähnliche Symptome, werden aber teilweise unterschiedlich behandelt.
Warum soll ich mich täglich wiegen?
Weil eine Gewichtszunahme von mehr als 2 kg innerhalb von 1 bis 3 Tagen auf Wassereinlagerung hinweisen kann. Das ist ein Warnsignal: Dein Herz pumpt schlechter, Flüssigkeit staut sich im Körper. Wenn du das früh merkst, kann dein Arzt die Diuretika-Dosis anpassen, bevor es zu einer Verschlechterung kommt.
Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn du die Diagnose Herzinsuffizienz erhalten hast, sprich mit deinem Kardiologen über die für dich richtige Behandlung.